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Teil 2: Liga der Zander
Von Andreas Zwengel
Zeppeline»Wir bieten nur unsere Hilfe an, Herr Ministerpräsident«, sagte Konstantin Zander gelassen.

»Zu einem ordentlichen Preis, wie ich annehme.«

»Sie können natürlich auch eine Wohlfahrtsorganisation einsetzen, aber ich bezweifle, dass sie dasselbe Ergebnis erzielen würde.«

»Ihre früheren Erfolge in allen Ehren, Herr Zander, aber ich habe genug Leute, die für mich Probleme lösen. Können Sie sich vorstellen, was ich momentan alles um die Ohren habe? Die beiden größten Roboterfabriken Schleswig-Holsteins wollen ihre Produktion nach Indonesien verlagern. Eine Gruppe geklonter Wikinger erhebt Ansprüche auf ein Gebiet, das sie vor über 1000 Jahren bewohnt hat. Seit Wochen staut sich der Verkehr auf beiden Seiten des Kanals bis in Nord- und Ostsee zurück. Dann sitzt man mir wegen dieses verschwundenen Nano-Forschers im Nacken. Der Mann ist immerhin Nobelpreisträger. Nicht zu vergessen, dass ich weiter Schadenersatzklagen wegen mangelnder Schutzmaßnahmen gegen den Tsunami von 09 bekomme. Da kann ich nicht wegen einer möglichen Bedrohung, für die es keinerlei Hinweise gibt, den Notstand ausrufen.«

»Sie wollen mir also mit vielen Worten zu verstehen geben, dass Sie keine Verwendung für uns haben.«

»Schafft mir den Kerl aus den Augen«, sagte der Ministerpräsident müde zu seinen Angestellten und wandte sich wieder den Unterlagen zu.

Die Liga der Zander war eine Vereinigung von Herumtreibern, Glücksrittern und Flüchtigen. Die B-Besetzung unter den Weltrettern. Die meisten Mitglieder stammten aus kleinen, wenig einflussreichen Ländern, manche sogar aus so genannten Schurkenstaaten, und die beiden Amerikaner im Team waren sicher nicht die Zierde ihres Landes. Mit Beitritt zur Liga hatte jeder einen Teil seiner Identität aufgegeben, indem alle den Nachnamen Zander annahmen. Die Punkgruppe The Ramones hatte später diese Idee geklaut.

Konstantin Zander, Initiator und Namensgeber der Liga, war mit Anfang Dreißig so populär wie ein Popstar gewesen. Ein weiser, integrer Anführer, moralisch einwandfrei und mit festen Grundsätzen. Ein furchtloser Kämpfer und brillanter Wissenschaftler. Souverän und kompetent. Eine Mischung aus Reed Richards von den Fantastischen Vier (der Comic, nicht die Band) und Alan Alda als Hawkeye Pierce in MASH (die Serie, nicht der Kinofilm). Inzwischen, nach weiteren vierzig Jahren in dem Job, war er fast kahl unter seiner Wollmütze geworden, sowie übergewichtig, desillusioniert und zynisch.

Konstantin verließ das Büro des Ministerpräsidenten und nahm die Treppe zum Dach des 30-stöckigen Regierungssitzes in Kiel West, von den Bewohnern scherzhaft Key West genannt. Eine Gruppe Reporter hatte sich an seine Fersen geheftet. Für die Medien waren sie eine Clownstruppe, die immer mal wieder für eine skurrile Meldung gut war, und in den englischen Boulevardzeitungen wurde Konstantin stets mit Pickelhaube abgebildet.

»Wie sind Ihre weiteren Pläne, Herr Zander?«

»Wir haben eine Liste von dringenden Einsatzzielen und wer uns bezahlt, darf sich ein Problem aussuchen, das wir lösen.«

»Wie wollen Sie beispielsweise die weltweite Klimaerwärmung stoppen?«

»Sobald die Überweisung gutgeschrieben ist, werden wir anfangen darüber nachzudenken.«

»Sie sind sehr umstritten wegen ihrer finanziellen Forderungen.«

Konstantin verzog das Gesicht. Die Zeiten hatten sich auch für die Liga der Zander geändert. Damals, vor vierzig Jahren, hatte er die Belohnung für die Ergreifung des berüchtigten Luftpiraten Sinola noch wohltätigen Zwecken gestiftet. Heute musste er alles Geld zusammenkratzen, um die dringendsten Anschaffungen machen zu können. Die gleichen Leute, die ihn zu Beginn ausgelacht hatten, weil er umsonst arbeitete, warfen ihm jetzt vor, dass er Geld für seine Einsätze nahm.

»Nur weil ich edle Ziele habe, soll ich umsonst arbeiten? Ich habe laufende Kosten.«

»Die Sie zu äußerst fragwürdigen Nebeneinkünften greifen lassen.«

Hinter ihm glitt die JulesVerne lautlos über den Rand des Daches empor. Die Kameras schwenkten über die gesamte Breite des Zeppelins und verharrten auf dem digitalen Werbebanner mit den Slogans einer Schönheitsklinik: »Die Banane soll krumm bleiben - Ihre Nase nicht« und »Zwei Hände voll - Dank Silikon« konnten unmöglich das Produkt einer seriösen Werbeagentur sein.

»Meine Damen und Herren, die Pressekonferenz ist beendet«, sagte Konstantin, machte sehr kamerawirksam einen Schritt rückwärts über den Dachrand hinaus und trat auf die ausgefahrene Gangway der Gondel.

»Luna, bring uns auf eine sichere Höhe. Und schalt den Mist da draußen ab.«

»Laut Vertrag sind wir verpflichtet, das Banner laufen zu lassen, solange menschliche Wesen oder Kameras in der Nähe sind«, antwortete seine Pilotin aus dem Cockpit. Wie alle Besatzungsmitglieder trug sie eine mintgrüne Uniform, bestehend aus bequemen Cargo-Hosen, robustem Pullover und schweren Arbeitsschuhen, aber nur die wenigsten füllten sie derart gut aus. Der gesamte Zeppelin war ebenfalls mintgrün. Die Farbe hatten sie einem langjährigen Sponsor zu verdanken.

»Hoba, als meine rechte Hand und mein engster Vertrauter, solltest du mich von solchen Mist abhalten.«

Hoba Zander war ein bärenhafter Ungar mit unbändigem, wirren Haarschopf und Koteletten, die sich am Kinn fast berührten, wie bei Neil Young oder Wolverine von den X-Men. Er trug eine Augenklappe, nachdem er als ehemaliger Kapitän der berüchtigten Eiskockeymannschaft Eisbrecher Budapest bei einem Meisterschaftsspiel zuerst das Auge, dann den Titel und zuletzt seine Karriere eingebüßt hatte. Mit Ende zwanzig war er arbeitslos, berühmt, relativ vermögend und ziemlich gelangweilt gewesen. Aus dieser Kombination hätte alles Mögliche entstehen können.

Mehr plump als majestätisch erhob sich die JulesVerne in den Himmel. Das Luftschiff machte eine Schleife über Kiel. Konstantin betrachtete aus dem Cockpit, wie der gigantische Schatten über die Dächer der Häuser streifte. Das ruhige Dahingleiten in niedriger Höhe hatte stets eine beruhigende Wirkung auf ihn. Die JulesVerne gehörte zu den letzten einsatzfähigen Luftschiffen Europas und war jeder Flugsicherung bekannt. Aus der Nähe betrachtet, wirkte sie allerdings wie das abgetakelte Stück Flickwerk, das sie war. Entlang der Schweißnähte der Gondel hatte sich Rost angesetzt und einige Metallplatten waren nachträglich angeschweißt worden, um alte Löcher zu überdecken. Die Elektrik brauchte eine Generalüberholung und die meisten der Leitungen mussten dringend erneuert werden. Die provisorischen Reparaturen machten das Schiff zu einem Risikofaktor im Luftraum, doch niemand wagte es, dieser Legende das Aufsteigen zu verbieten. Ein Anachronismus in einer Welt, die den technischen Fortschritt im Schnelldurchlauf erlebte. Irgendwann würde die JulesVerne hilflos vom Himmel fallen und hoffentlich nur wenig Schaden anrichten.

Das Luftschiff folgte dem Nord-Ostsee-Kanal, in dem sich wie immer dichter Verkehr drängte. Riesige Containerschiffe, Luxuskreuzfahrtschiffe und Tanker und dazwischen unzählige kleinere Boote. Es schien, als würde dem Kanal das gleiche Schicksal drohen, wie einst dem Panamakanal etliche Jahre zuvor. Das waren turbulente Zeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Mit ausdruckslosem Gesicht sah Konstantin Zander aus dem Cockpit und nippte an einem Kaffee. Er war immer noch beleidigt wegen der Abfuhr des Ministerpräsidenten.

»Dann retten wir eben nicht die Welt und setzen uns zur Ruhe. Wir machen diesen Job schließlich nicht für unsere Gegner, sondern …«

»… für Geld«, ergänzte Z-Bot0437, sein persönlicher Assistenzroboter. Fast humanoid im Aussehen und vollständig nervtötend im Verhalten. Die Z-Bots waren von Konstantins Vater entwickelt worden und sollten den Reichtum der Familie Zander vermehren, doch der technische Fortschritt in der Roboterentwicklung war so immens, dass Konstantin nun auf den Restbeständen saß. Sie waren besonders widerstandsfähig, da sie für Arbeiten in ungemütlichen Gegenden konzipiert worden waren. Unter Wasser, in der Wüste, im Weltraum, alles kein Problem. Leider gab es durch ihre robuste Bauweise erhebliche Probleme bei der Entsorgung. Neuere Roboter-Modelle wurden fast komplett recycelt und die wenigen Verschleißteile zersetzten sich nach dem Ausbau rückstandlos. Die Z-Bots dagegen konnten Jahrhunderte in einem Waldstück oder auf dem Meeresboden vergammeln. Eine Tatsache, die Konstantin gerne von seinen Gegnern unter die Nase gerieben bekam. Er hatte ein Vermögen dafür ausgegeben, ausrangierte Modelle überall auf der Welt einzusammeln. Der größte Teil lagerte in dem weitläufigen Kellergewölbe des Familiensitzes, in der Hoffnung, dass sich irgendwann eine sinnvolle Verwendung für die finden ließ.

»Ich kann Ihnen eine vollständige Liste Ihrer Einkünfte der letzten beiden Monate aufsagen«, bot Z-Bot0437 emotionslos an.

»Dann los.«

Der Roboter schwieg demonstrativ eine Minute lang.

»Sarkasmus-Chip deaktivieren«, wies Konstantin ihn an. Dann ging er in die Kombüse, goss den alten Kaffee in den Ausguss und setzte neuen auf.

»Sie sollten nicht so viel Kaffee trinken«, bemerkte Z-Bot0437, »die Folgen erhöhten …«

»Informationen über Koffein löschen!«

Konstantin brauchte ständig neue Assistenzroboter. Spätestens nach einer Woche hatte er sie auf Vorschulwissen reduziert. Z-Bot0437 zeichnete sich darüber hinaus durch besondere Launenhaftigkeit aus und Konstantin hatte sich fest vorgenommen, ihn bei der nächsten Landung als Anker zu verwenden.
Hoba kratzte sich plötzlich unter seiner Augenklappe. Wie immer, wenn er Gefahr im Anzug spürte. Die beiden Angreifer tauchten hinter dem Tanker auf und waren nach einem Augenzwinkern an der Gondel vorbei. Hoba rannte über die Treppe nach oben ins Innere des Zeppelins, während Konstantin sich sein Head-Set überstreifte und für den Rest der Besatzung Alarm gab. Die Fenster der Gondel waren aus Panzerglas. Eine Lehre, die Konstantin aus einer früheren schmerzhaften Erfahrung gezogen hatte. Sie war der Grund für seine zernarbte linke Wange, den spärlichen Bartwuchs auf dieser Seite und das fehlende Ohr.

Es waren Mini-Gleiter, so klein, dass man sie von einem PKW-Dach aus starten konnte. Sie boten nur Platz für einen liegenden Piloten und vier Raketen. Als Z-Bot0437 anhob, die technischen Daten der Gleiter herunterzuleiern, gebot ihm Konstantin mit erhobener Hand zu schweigen. Die JulesVerne war nicht einmal ansatzweise in der Lage, diesen modernen Maschinen zu entkommen. Die Wetten auf den Schiffen im Kanal standen innerhalb weniger Minuten zu Gunsten der Angreifer. Doch diese waren auf ein so altmodisches Gefährt wie die JulesVerne nicht eingestellt. Ihre Außenhaut bestand aus einer Substanz, die die Scannerraketen nicht erkannten, weil es sie nicht mehr gab. Zumindest nicht als Baumaterial für potentielle Ziele. Unverrichteter Dinge sausten sie ein zweites Mal an dem Zeppelin vorbei. Auf der anderen Seite waren die Gleiter mit Abwehrmechanismen gegen jede aktuelle Angriffswaffe ausgestattet, aber der Durchschlagskraft eines alten Zwillings-MGs hatte ihre ultraleichte Bauweise nichts entgegenzusetzen. Perforiert trudelnden sie ins Wasser. Konstantin sah die Gleiter im Kanal versinken. Kurz darauf kehrte Hoba mit einem sehr zufriedenen Grinsen aus seinem Geschützstand zurück.

»Wo kamen die Dinger her?«, fragte Konstantin in Lunas Richtung und wandte sich an den Z-Bot: »Hey Blechkopf, informiere den Ministerpräsidenten, das dürfte ihn interessieren.«

»Konstantin, das solltest du dir ansehen«, rief Luna aus dem Cockpit. Er sah an ihr vorbei auf den riesigen Tanker, der sich vor ihnen im Kanal befand und kaum noch Fahrt machte. Die nachfolgenden Schiffe hatten bereits ihre Geschwindigkeit angepasst.

»Neben dem Tanker befindet sich eine Yacht. Von dort aus sind die Gleiter gestartet.«

»Wenn er den Kanal blockiert, wird es eine Massenkarambolage geben. Die riesigen Kähne brauchen Kilometer zum anhalten«, erklärte Lunas Co-Pilot, ohne den Blick von ihren Brüsten zu nehmen. Luna machte sich wenig daraus, als Sexfantasie für den männlichen Teil der Besatzung zu dienen. Die meisten hatten genug Respekt, um auf Distanz zu bleiben. Jüngere, denen noch die Erfahrung fehlte oder deren Selbstbewusstsein sich nicht mit der Realität im Gleichklang befand, machten häufig den Fehler zu glauben, sie mit einem launigen Spruch einnehmen zu können.

»Kein guter Platz zum Parken«, murmelte Konstantin und Z-Bot0437 hielt das für sein Stichwort:

»Der Nord-Ostsee-Kanal, kurz NOK, wurde 1895 als Kaiser-Wilhelm-Kanal eröffnet. International ist er als Kiel-Canal bekannt. Er hat eine Länge von 98,637 km und gehört zu den weltweit am meisten befahrenen künstlichen Wasserstraßen. Im letzten Jahr haben ihn 58.675 Schiffe durchquert.«

»Aha«, sagte Konstantin, nur mäßig interessiert.

»Die Breite des Kanals…«

»Lass gut sein.«

Konstantin wandte sich an seine Besatzung.

»Also, was haben wir hier? Eine außerirdische Invasion, ein antiker Geheimbund oder eine Regierungsverschwörung? Ich will alles über diese Yacht wissen.«

»Der Ministerpräsident für Sie«, meldete der Z-Bot und legte das Gespräch auf Konstantins Head-Set.

»Die Besatzung des Tankers meldet sich nicht, Zander, wir müssen davon ausgehen, dass sich das Schiff in fremder Gewalt befindet.«

»Bin ich engagiert?«

»Wenn diese Leute den Tanker versenken, wäre das die größte Katastrophe, die unser Land jemals erlebt hat. Ich rede nicht nur von einer Ölpest im Kanal und dem Wert der Ladung. Sie könnten den Kanal für lange Zeit blockieren. Die finanziellen Ausfälle sind kaum vorstellbar.«

»Bin ich engagiert?«

»Ja, verdammt.«

Konstantin unterbrach die Verbindung.

»Es ist eine Yacht von einem Hamburger Verleih«, erklärte Luna, »Sie wurde heute morgen gemietet. Übrigens, auf Deck machen sie gerade zwei neue Gleiter startbereit.«

»Luna, bring uns direkt über den Tanker. Hoba, hol´ die Z-Bots, wir entern den Kahn«, sagte Konstantin, dann legte er den Arm vertraulich um die massiven Schultern von Z-Bot0437.

»Und wir zwei kümmern uns um die Yacht.«

Konstantin wollte kein Risiko eingehen und griff auf eine bewährte Methode zurück.

»Alles verstanden?«

Z-Bot0437 nickte salutierend und sprang aus der offenen Luke. Im Fall hielt er sich kerzengerade, legte die Arme an und richtete die Fußspitzen nach unten. Wie ein Geschoss durchschlug er Deck und Rumpf der Yacht und versenkte sie.

»Da sind Wikinger auf dem Tanker, platzen wir etwa in eine Kostümparty?«, fragte Hoba und setzte sein Fernglas ab.

»Nein, die sind echt. Jedenfalls so echt, wie Klone sein können. Was weißt du über Wikinger?«

»In der Regel haben Wikinger rote Bärte.«

»Lass deine unappetitlichen Scherze.«

Hoba grinste kurz und deutete dann auf die Winde.

»Wir können uns nicht alle schnell genug abseilen.«

Konstantin zog einen Rucksack an.

»Die Winde ist auch nur für uns beide.«

Konstantin und Hoba ließen sich am Gurt auf das Deck herab, während über ihnen die Z-Bots aus der Luke drängten und an ihnen vorbei auf das Deck knallten, wo sie tiefe Dellen hinterließen. Sechs von ihnen richteten sich wieder auf, einer war in einer offenen Ladeluke verschwunden und zwei am Tanker vorbei in den Kanal gefallen. Konstantin löste den Gurt und nahm seinen Rucksack von der Schulter, während er die Reihe der Wikinger musterte. Riesige Gestalten mit Vollbärten und geflochtenen Zöpfen, die angriffslustig ihre Äxte schwangen.

»Du weißt, dass die Z-Bots dem Asimov-Codex unterliegen, sie dürfen keine Menschen verletzen«, sagte Hoba und lockerte dabei seine Arme.

»Schon klar«, sagte Konstantin und holte einen Ball aus dem Rücksack.

»Football-Modus aktivieren«, brüllte er laut und die Z-Bots gingen sofort in geduckte Angriffshaltung.

»Mein Vater hat dieses Spiel geliebt«, erklärte er Hoba und warf den Ball zum Anführer der Wikinger. Der fing ihn auf und drehte den ovalen Gegenstand verwundert in seinen Händen, bis er die Z-Bots auf sich zustürmen sah. Generell war der Unterschied zwischen dem Zusammenstoß mit einem Z-Bot im Football-Modus und einem Linienbus mit Verspätung minimal und deshalb für den Betroffenen unerheblich.

»Gutes Spiel«, sagte Konstantin, als er die am Boden liegenden Wikinger durchquerte und zur Brücke marschierte. Am Fuß der Treppe blieb er stehen, denn er hatte einen alten Bekannten entdeckt. Sinola, der gefürchtete Luftpirat und Terrorist, inzwischen weit über neunzig, was Konstantin sein eigenes Alter bewusst machte. Zuletzt waren sie sich in Mexiko begegnet, wo Sinola eine ganze Stadt als Geisel genommen hatte. Damals war er nach dem Sturz von einer Brücke untergetaucht. Zuerst in den Fluss und dann in Bolivien.

»Hallo Konstantin«, grüßte Sinola und er schien nicht sonderlich beunruhigt zu sein. Was widerum Konstantin sehr beunruhigte. Im selben Moment meldete sich Luna auf seinem Head-Set.

»Es ist der Ministerpräsident für dich. Dringend.«

»Hallo?«

»Ihr Auftrag ist beendet. Kommen Sie sofort zurück.«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Hören Sie, Zander, entweder Sie halten sich raus, oder ich überziehe Ihren Arsch mit mehr Klagen, als Sie sich vorstellen können. Verschwinden Sie von dem Tanker. Jede andere Handlung würde von uns als Widerstand gewertet werden.«

»Gut, dann gibt es zumindest keine Missverständnisse.«

Konstantin beendete das Gespräch.

»Also, Sinola, warum machen die sich in die Hosen? Doch nicht, weil du einen Tanker versenken könntest, so was sitzen die aus.«

Sinola kicherte so merkwürdig, dass Konstantin mehr denn je um die geistige Gesundheit des Luftpiraten fürchten musste.

»Ich habe den Herren nur mitgeteilt, was sich in unseren Händen befindet.«

»Hat es mit dem verschwundenen Nano-Forscher zu tun?«

»Gut kombiniert, Konstantin.«

»Du solltest aufgeben, wir haben dein Transportmittel versenkt.«

»Ach ja, Auge um Auge«, sagte Sinola leise und auf der anderen Seite der Brücke hoben sich drei Rohre in den Himmel. Bevor Konstantin seine Pilotin warnen konnte, lösten sich die Geschosse von den tragbaren Raketenwerfern und schlängelten sich zischend dem Zeppelin entgegen.

Drei Explosionen brachten das Luftschiff ins Schwanken. Luna wurde gegen die Wand des Cockpits geworfen. Dann sackte der Boden unter ihr weg.

»Sie haben uns«, schrie ihr Co-Pilot. Die JulesVerne schmierte ab. Luna gab das Notsignal, das die gesamte Besatzung anwies, sich anzuschnallen. Die verbliebenen Z-Bots besaßen eigene Halterungen, in die sie sich einklinken konnten. Alle waren auf den Aufprall vorbereitet. Es war nicht das erste Mal, dass ihr Luftschiff zu Boden ging. Jedes Mal waren sie wieder aufgestiegen. Diesmal würde es hoffentlich auch so sein.

Der Zeppelin schwenkte vom Kanal weg und damit auch von dem Tanker. Konstantin sah ihm nach, aus Sorge um seine Besatzung. Die Gondel sauste knapp über das Dach eines Bauernhofes und köpfte die Antennen. Dann lag freies Gelände vor ihnen. Luna löste wenige Meter über dem Boden die Airbags aus. Ein schwerer Ruck, dann stand die JulesVerne. Zwar in extremer Schieflage, aber immerhin sicher.

»Soweit hätte es gar nicht kommen mussen«, sagte Sinola ohne Bedauern, »wir wollten nur unsere Ware abholen, die in einem der Tanks geschmuggelt wurde. Wir hätten sie ohne großes Aufsehen auf unser Boot verladen und wären wieder verschwunden. Aber du musstest dich ja unbedingt einmischen.«

Konstantin überlegte, ob er Sinola verraten sollte, dass er völlig zufällig vorbeigekommen war und weitergeflogen wäre, wenn man ihn nicht angegriffen hätte.

»Dann müssen wir unseren Plan eben ändern. Komm herauf. Aber deinen Schläger lässt du bitte, wo er ist«, sagte Sinola und machte eine einladende Handbewegung. Auf der Brücke befanden sich der Kapitän und der Steuermann des Tankers. Hinter ihnen standen drei weitere Wikinger und sahen Konstantin ziemlich wütend an. Vor allem da er sie völlig ignorierte.

»Wo ist der Rest der Besatzung?«

»Unter Deck.«

»Lebendig?«

»Natürlich, Konstantin. Du weißt, ich töte nur, wenn es einen dramaturgischen Effekt bringt.«

»Also, was ziehst du hier ab?«

»Terraforming«, sagte Sinola. »Meine Freunde hier möchten das Land wieder so haben, wie es zu ihrer Zeit war. Sie wollen die Luft atmen und das Wasser trinken können.«

Das Terraforming-Projekt diente eigentlich dazu, vormals unbewohnbare Gegenden zu beleben. Ein fernes Ziel dabei war es natürlich, irgendwann einmal komplette Planeten für Menschen bewohnbar zu machen.

»Die Nano-Roboter sind darauf programmiert, alles in einem begrenzten Gebiet in den damaligen Zustand zu versetzen.«

»Das heißt, sie lassen alles verschwinden, was es vor tausend Jahren nicht gab. Sich selbst eingeschlossen?«

»Sobald ihr Auftrag erledigt ist, werden sie auch alle Spuren ihrer eigenen Existenz beseitigen.«

»Und deine Klienten sind ganz allein auf die Idee gekommen?«

Ein Mann kam aus der Tür zum Laderaum und trat neben Sinola. Er trug moderne Kleidung und hatte scheinbar erst vor wenigen Wochen beschlossen, Haar und Bart wachsen zu lassen. Er räusperte sich.

»Mein Name ist Thor Tryggvesson und ich bin ein legitimer Nachfahre dieser Männer.«

»Sie haben also zu Ihren Wurzeln gefunden? Wenn wir die Zeit zurückdrehen, gibt es sicher noch mehr Parteien, die Anspruch auf das Land erheben könnten. Man denke nur mal an die Dänen.«

Tryggvesson produzierte einen Lippenfurz.

»Warum«, fuhr Konstantin fort, »erheben Sie nicht gleich Anspruch auf Amerika, ihr berühmtes Vinland? Und was springt für dich dabei heraus, Sinola?«

»Ruhm, mein lieber Konstantin. Ich bin jetzt dreiundneunzig Jahre alt, leide an mehr Krankheiten als ich mit einem Atemzug aufzählen könnte und werde wohl noch vor Ablauf des Jahres an einer von ihnen sterben. Dies wird meine Abschiedsvorstellung und in den Wochen, die mir noch bleiben, werde ich die Berichterstattung in den Medien genießen.«

Am Bug sah Konstantin Z-Bot0437 an Bord klettern. Der Aufprall und der Unterwasserspaziergang schienen ihm nicht geschadet zu haben. Konstantin ortete unauffällig alle Z-Bots an Bord über das Display an seinem Handgelenk.

»Nichts kann dich umstimmen?«

»Die Entscheidung liegt bei meinen bärtigen Freunden hier. Sie haben die Wünsche, ich kümmere mich um die Umsetzung.«

»Gut, dann reden wir doch mal ohne sie. Hoba.«

Hoba kam herein, einen Besen in beiden Händen, und lächelte. Dann stürzte er sich auf die drei Klon-Wikinger, verteilte Kopfstöße und brach Kiefer, Nasenrücken und Wangenknochen mit seinen Ellenbogen. Innerhalb von Sekunden befand er sich als einziger noch auf den Beinen. Thor zog eine Pistole aus seiner Tasche und feuerte damit auf Hoba, doch war bereits wieder durch die Tür nach draußen verschwunden.

»Du solltest ihn erstmal auf Schlittschuhen erleben«, sagte Konstantin. Sinolas Hand zuckte hoch und hielt eine Fernbedienung in die Höhe.

»Damit setze ich die Nano-Roboter frei und ich will, dass du dabei zusiehst.«

Sinola ging vor. Konstantin folgte und wurde von Thor in Schach gehalten, der auch gleichzeitig den Rückzug deckte. Sie gingen in einen Laderaum unter Deck und blieben in einiger Höhe auf einem Gittersteg stehen. Unter ihnen befand sich ein transparenter Behälter, etwas größer als eine Telefonzelle und für das bloße Auge leer.

»Da sind sie drin?«

»Nicht mehr lange.«

Konstantin trat dicht an Sinola heran.

»Was verlangst du, um diesen Plan abzublasen«, fragte er.

»Es gibt nichts, was du mir im Gegenzug anbieten könntest.«

»Dachte ich mir«, sagte Konstantin und trat wieder zurück. Er hatte die Antwort erwartet und Sinola auch nur die Sicht auf seinen Klienten nehmen wollen, der in der Zwischenzeit von Hoba entwaffnet und betäubt worden war. Z-Bot0519, der beim Sprung aus der JulesVerne in der offenen Ladeluke gelandet war, tauchte aus der Dunkelheit auf und legte seine Arme um Sinola. Der alte Söldner drückte ohne zu zögern den Knopf seiner Fernbedienung und der Deckel des Behälters schnappte auf. Im selben Moment befand er sich in der Umarmung des Z-Bots im freien Fall und gemeinsam landeten sie aufrecht in dem Behälter. Z-Bot0519 hielt Sinola mit einem Arm weiter fest umklammert, während er mit dem anderen Arm die Klappe verschloss. Sinola machte keine Anstalten sich zu wehren, sondern blickte nach oben zu Konstantin.

»Was glaubst du, wie lange du mich auf diese Art festhalten kannst? Sieh dir deine Maschine an«, lachte Sinola und Z-Bot0519 löste sich langsam auf. Nach einer halben Minute konnte sich Sinola aus seinem Griff befreien und streckte seinen Arm zur Klappe aus.

»Und jetzt …«

Er verstummte mitten im Satz und sank in sich zusammen. Konstantin und Hoba stiegen nach unten und betrachteten den Leichnam durch die Behälterwand. Sinolas Gesicht wirkte eingefallen, weil alle Spuren der chirurgischen Eingriffe verschwunden waren, ebenso wie seine künstlichen Zähne und die Narbe auf seiner Brust vom Einsetzen des Herzschrittmachers. Dies war sicher nicht das Ende, das Sinola für sich gewünscht hätte. Aber es hätte viele, wesentlich schlimmere Enden geben können und er hätte jedes einzelne davon verdient gehabt.

»Nimm dir ein Beispiel an deinem Kumpel, der hat gehandelt, anstatt blöde Sprüche zu klopfen«, sagte Konstantin zu Z-Bot0437, der den Laderaum betrat.

»Sie haben vor vier Wochen seine Sprechfunktion entfernt«, erinnerte ihn der Roboter sachlich.

Als sie auf Deck traten, näherten sich Konvois aus Militär-, Behörden und Medienfahrzeugen auf beiden Seiten des Kanals. Hubschrauber schwirrten kreuz und quer über den Tanker hinweg. Thor Tryggvesson wurde verhaftet, die Klone entgingen einer strafrechtlichen Verurteilung und fanden in Haithabu ein neues Zuhause. Da das Museum bereits vor Jahren überkuppelt worden war, fiel es nicht schwer, den Wikingern eine unberührte Umgebung zu schaffen. Durch eine ausgewogene Medikamentierung wurden ihre Reiselust und andere Triebe stark gedämpft, so dass sie sich rasch an die engen Grenzen ihrer neuen Heimat gewöhnten. Der Kanal wurde innerhalb von wenigen Stunden wieder freigegeben und die Tankerbesatzung kam mit dem Schrecken davon, ebenso wie der Ministerpräsident. Zumindest bis er Konstantins Rechnung erhielt.

Und die JulesVerne erhob sich wieder…
  Zitat
Die provisorischen Reparaturen machten das Schiff zu einem Risikofaktor im Luftraum, doch niemand wagte es, dieser Legende das Aufsteigen zu verbieten. Ein Anachronismus in einer Welt, die den technischen Fortschritt im Schnelldurchlauf erlebte.


Teil 1
Zeit der Zeppeline


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