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Meine Nächte mit Harry Rowohlt
Von Karsten Weyershausen
InterviewEinst stieß ich in der Zeitung auf einen Bericht, der auf Harry Rowohlts sechzigsten Geburtstag hinwies. Erst kurz zuvor war bei Kein & Aber ein Buch über den trinkfreudigen Hamburger erschienen.

»Baut dem Mann ein Denkmal, er ist ein Nationalheiligtum«, lautete der allgemeine Tenor. Es schien so, als sollte dem Multitalent die längst fällige, flächendeckende Anerkennung widerfahren. Was viele unter uns wissen: Rowohlt gab in der »Lindenstraße« den Penner Harry. Was weniger Menschen wissen: »Penner-Harry« ist ein begnadeter Übersetzer, Vortragskünstler und geistreicher Kolumnist (Pooh's Corner).

Vor vielen Jahren, so etwa nach der Maueröffnung und vor der Erfindung der Jamba-Klingeltöne, arbeitete ich für ein Braunschweiger Stadtmagazin. Als Harry Rowohlt im Rahmen des Braunschweiger Filmfests als Ehrengast angekündigt wurde, meinte unser Chefredakteur, dass es eine ganz brauchbare Idee wäre, den Mann zu interviewen. Unbekümmert wie ich war, erklärte ich mich sofort bereit, den Job zu übernehmen.

Mein einziges anderes Interview dieser Art hatte ich zwei Jahre zuvor geführt, mit »Werner«-Zeichner Brösel alias Rötger Feldmann. Obwohl sich Brösel sehr kooperativ zeigte, war schnell klar, dass er lieber im Hotel ein Fussballspiel sehen wollte, statt mit mir über die künstlerischen Meriten seiner Comics zu schwadronieren. Das Ergebnis war natürlich ein kolossaler Flop.

Bei Rowohlt würde alles anders werden, dachte ich. Immerhin war der Mann ein guter Freund von Robert Gernhardt, Robert Crumb und anderen Roberts, die über jeden Zweifel erhaben waren. Emotional und intellektuell zwei Jahre gereift, würde ich dem Mann gewachsen sein. Und um ganz sicher zu gehen, prüfte ich vorher nach, ob an diesem Tag im Fernsehen ein Fussballspiel lief.

Als das Filmfest anfing, schien man überall in Braunschweig über Harry R. zu stolpern. In verwitterten Jeans-Klamotten steckend, stets mit einer Lindenstraßen-Tasche bewaffnet, cowboy-stiefelte er lässig durch die Stadt. »Cooler Typ«, dachte ich. Am Abend unseres Interviews hielt er eine Lesung in einer großen Braunschweiger Buchhandlung. Danach sollte ich zum Zug kommen und ihn in einem Restaurant interviewen. So weit so gut.

Die Lesung dauerte über drei Stunden. Rowohlt kam groß in Fahrt, erzählte Anekdötchen auf Anekdötchen, las aus seinen Filmkritiken, gab den Flann O'Brien-Zweiakter »Durst« zum besten und als Zugabe obendrein »Winnie the Pooh«. Auch wenn einige Zuhörer nach der zweiten Stunde aufgaben, war die Mehrheit begeistert. Wäre Rowohlt Gebrauchtwagenhändler gewesen, hätte er den Leuten an diesem Abend selbst die ältesten Schrottgurken verkaufen können. Nur leider hatte der gute Mann die Angewohnheit, während seiner Lesungen statt Mineralwasser Bier und Whisky zu trinken. Viel Bier und Whisky.

Müde, hungrig und leicht schwankend machte sich Rowohlt mit seinen Filmfest-Betreuern und mir auf dem Weg zum nächsten Restaurant. Nun stellten wir leider enttäuscht fest, dass in Braunschweig nach Mitternacht die Küchen kalt waren und auch blieben - selbst für einen Ehrengast des Filmfests. Inzwischen hatte besagter Ehrengast sowieso anderes im Sinn. Eine dunkelhaarige Schönheit erforderte seine ganze Konzentration: Ob sie denn mit ihm ins Hotel kommen würde? Das Bett sei so groß. »Harry, ich schlafe nicht mit verheirateten Männern, jedenfalls nicht wissentlich.« Von soviel Konsequenz beeindruckt, legte Harry erst richtig los. Trotzdem war bald klar, dass der Mann zwar viele Fans hatte, aber keine Groupies - zumindest heute Nacht.

Unsere nächtliche Odyssee endete im Vorraum der Filmfest-Toiletten, dem einzigen Ort, an dem man ein ruhiges Gespräch führen konnte. In den anderen Räumlichkeiten lief nämlich eine Podiumsdiskussion. Mit einem frischen Bier ausgestattet, wirkte Harry gleich etwas milder. Um nicht wie der letzte Spießer rüberzukommen, sprach ich ihn lässig beim Vornamen an. Autsch! Großer Fehler! Der Hanseat legt Wert auf gute Kinderstube.

Dann also per Sie. Ob ich alle Filme gesehen habe, die er präsentiert hatte? Nicht wirklich. »Das hätte Ihnen nicht geschadet« attestierte er wie aus der Pistole geschossen. Schon wieder ins Fettnäpfchen! Hilfe! Mein großes Idol redete wie ein verknöcherter Oberlehrer. Ich merkte, wie meine Stimme eine Oktave höher rutschte. Merkte Rowohlt das auch? Egal.

Schließlich noch mein Geständnis, dass ich noch nie eine Folge der »Lindenstraße« gesehen hatte. Entrüstete Blicke. Das wollte er mir nun partout nicht abkaufen. Erst als die dunkelhaarige Schönheit, die uns noch immer begleitete, ebenfalls erklärte, dass sie nie die »Lindenstraße« gesehen hatte, konnte der voluminöse Bartträger die Tatsache akzeptieren, dass solche Serienmuffel auf unserem Erdenrund wirklich existieren.

Trotzdem war Harry ... will sagen Herr Rowohlt ... bemüht, alle meine Fragen gewissenhaft zu beantworten. Zwischenzeitlich brachte er, um das Herz und andere Körperteile der Schönheit doch noch zu erobern, einen Dean Martin-Klassiker zu Gehör. Textsicher trotz erhöhten Promillespiegels. Respekt.

Nachdem die Fragestunde offiziell beendet war, verzog sich auch das obskure Objekt seiner Begierde. Ich verabschiedete mich ebenfalls, wartete aber in der Nähe auf Freunde. Nebenan war die Podiumsdiskussion noch immer im vollen Gange. Mittlerweile stand Rowohlt etwas verloren in der Landschaft. Plötzlich kam er auf mich zu: »Wenn sie möchten, können wir ja noch ein wenig reden.« Warum nicht? Erneut landeten wir im Vorraum zum Klo. Leicht angeschlagen hingen dem Meister inzwischen die Reste eines Schokoriegels im Bart. In Nahaufnahme wirkte sein von Falten durchsetztes Löwenhaupt noch imposanter. Ein verbitterter Zug lag in seinem Gesicht, der mir zuvor gar nicht aufgefallen war. War dieser Mann glücklich? Wollte er es überhaupt sein?

Wir redeten ein wenig über Comics. Wie für viele andere seiner Generation waren die Donald-Duck-Geschichten von Carl Barks ein prägendes Leseerlebnis. In seinem Elternhaus wurde zwischen Comics und Literatur kein Unterschied gemacht. Robert Crumb, Gilbert Shelton, Art Spiegelman und andere Legenden des Undergrounds - Rowohlt kannte sie alle persönlich. Doch mittlerweile war er etwas gereizt. Vielleicht dachte er wieder an sein ach so großes Hotelbett.

Als ein Fan auf ihn zukam, um zu erfahren, wie er dazu kam Filmkritiken zu schreiben, gab es für den arrivierten Zeit-Kolumnisten nur eine Antwort: »Das habe ich heute abend auf meiner Lesung erzählt. Wenn Sie nicht da nicht waren, habe ich nur eine Antwort.« Sprach's und zeigte den Stinkefinger.

Am nächsten Tag präsentierte Rowohlt den Beatles-Streifen »Help!«, zu dem er einen launigen Kommentar sprach. An der Eingangstür zum Kinosaal musterte er mich aus den Augenwinkeln. Keiner von uns sprach ein Wort. Das Interview war übrigens erstaunlicherweise ganz passabel. Auch angetrunken war der Mann ein interessanter Gesprächspartner.

Später erzählte mir eine Buchhändlerin, »dass Rowohlt ein Arschloch ist, hätte ich Dir gleich sagen können.« Doch wer so schreiben kann wie er, darf auch ab und zu ein Arschloch sein. Schließlich hat er nie darum gebeten, auf ein Podest gestellt zu werden. Er ist halt auch nur ein Mensch, der lieber mit hübschen Frauen flirtet, statt Interviews zu geben. Wer könnte es ihm verdenken? Eines zumindest weiß ich ganz sicher: Erst wer erlebt hat, wie Harry Rowohlt auf dem Klo That's Amore singt, kann mit dem Gefühl sterben, wirklich alles gesehen und gehört zu haben.
  Zitat
Ein verbitterter Zug lag in seinem Gesicht, der mir zuvor gar nicht aufgefallen war. War dieser Mann glücklich? Wollte er es überhaupt sein?


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